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| ONE SHOT: Ulrich von Berg über die unbekannte zweite von Jack Palance: seine Gesangskarriere “I’m the meanest guy that ever lived I spit when others cry a gun on each hip a snarl on my lip and I laughed when the wrong man died.” Die Stimme (von der man seinerzeit eher nur die Synchronversion kannte) war viel zu weich und hell für das Image, das der damals fast fünfzigjährige Mann schon rund 20 Jahre mit sich rumschleppte (und offenbar wenig dagegen einzuwenden haben schien, type casting-Gejammer hörte man von ihm jedenfalls nie). Deswegen klang diese Selbstanalyse des psychopathisch angehauchten gunslingers (Slick Wilson aus Shane) zunächst irritierend, nach dem fünfzigsten Durchlauf aber wahrhaft bedrohlich. “And there he stood all dressed in black / his drawl was from the South / I could tell he was good from the way that he stood / and the words came out of his evil mouth.” Die Erzählperspektive war zwar nicht eindeutig, aber genau so etwas wollte man damals hören, weswegen die einzige LP, die Jack Palance aufgenommen hat, wie festgeklebt auf dem Plattenteller lag. Marty Robbins’ klassische Gunfighter-Balladen, die man damals auch goutierte, weil sie ständig in der C & W-Wunschsendung des AFN gedudelt wurden, waren definitiv ein anderes, viel herkömmlicheres Kaliber, weil sie immer aus der Perspektive des good guys intoniert wurden, der am Ende triumphiert. Hier ging es, mehr textinhaltlich als soundmäßig, mit Volldampf in die Richtung des durchgeknallten Zeugs, das Johnny Paycheck ein paar Jahre zuvor unter der Regie von Aubrey Mayhew eingespielt hatte, Psychobilly-Sumpfblüten wie “(Pardon me) I’ve Got Someone to Kill” oder, noch kränker, die zynische Familienmassaker-Glorifizierung “The Johnsons of Turkey Ridge”. In “The Meanest Guy That Ever Lived” setzte nun jemand unerwartet zu einer vorweggenommenen Lebensbeichte an, der nicht verheimlichen konnte, dass sein böser Blick auf den amerikanischen Westen in südeuropäischen Gefilden geprägt worden war, wo ja bekanntermaßen hauptsächlich Irre unterwegs waren. Dreieinhalb Jahrzehnte hatte man meinen können, Jack Palance habe mit dem Song nachwachsenden Generationen die unverzichtbaren Stichworte für einen Nachruf liefern wollen. Aber erwartungsgemäß ignorierten die Autoren der Nekrologe, die vergangenen November erschienen und sich fast alle gleich und ziemlich fad lasen, diese Steilvorlage (als hätte The Man with the barbed wire-grin nicht mehr vorzuweisen gehabt als sein Mitwirken in einem Film von Godard, unvergängliche Trashparts als Mongolen-Warlord oder Fidel Castro, und den Gnaden-Oscar für einen Dreck wie City Slickers). Das lag wohl daran, dass Palance diese Zeilen nicht einer leider nie geschriebenen Autobiografie vorangestellt hat, sondern sie auf seiner einzigen, 1970 auf Warner erschienenen und fürchterlich gefloppten LP in mal sonorem, mal gemein gezischelten Sprechgesang vortrug. (Die LP habe ich in den frühen Siebzigern für 99 Pfennig aus der cut out bin des heimatlichen PX gefischt, und noch immer greife ich mitunter freudig darauf zurück was kann man von einem Album mehr verlangen?) Dennoch ist es erstaunlich, dass noch niemand der Songkollektion, die sogar drei Eigenkompositionen enthält, Kultstatus zugebilligt hat, so wie den Gesangsdarbietungen vergleichbarer Hollywoodlegenden, von Robert Mitchum über Burt Reynolds bis Slim Pickens. Kaum jemand scheint das seinerzeit untergegangene (weil so gut wie gar nicht promotete), vor einigen Jahren aber auf CD (Water) neu aufgelegte und dadurch relativ leicht aufzutreibende Werk zu kennen. Aber das kann sich sehr schnell ändern, denn man weiß ja: Es muss nur ein Dummbeutel, dem Meinungsführerschaft attestiert wird (Hohlkopf Bono oder der ewige Trittbrettfahrer Nick Cave vielleicht), das Ding einmal kurz erwähnen und, schwupps, stürzt sich der gesamte Amüsierpöbel drauf und hat es schon immer ganz toll gefunden. Natürlich spielten Neugier und eine grundsätzliche Wertschätzung des Schauspielers (die aber eher auf Mercenario als auf Le Mépris beruhte) beim risikolosen Billigkauf eine Rolle, ebenso aber das formidabele Cover, das an die zahllosen italienischen Trashschocker denken ließ, in den Palance damals ständig mitwirkte: vor pechschwarzem Hintergrund ganz groß und gewohnt verschlagen dreinblickend die rot eingefärbte Visage vorne frontal, hinten im Profil mit Schnauzbart und buschigen Koteletten. Palance war ja, wie etwa auch Lee Van Cleef, einer, der sich in Dutzenden von Schrottfilmen nur auf das Drohpotenzial seiner maskenhaften Gesichtszüge verlassen konnte, wobei er sich angeblich (das wurde mal bestätigt und mal als wilde Fantasie eines frühen PR - Agenten dementiert, der auf die patriotische Opferbereitschaft des Leinwandwüterichs hinweisen wollte) das suboptimale Resultat der gesichtschirurgischen Eingriffe zu Nutzen machte, die notwendig wurden, nachdem er im Zweiten Weltkrieg als Besatzungsmitglied eines Langstreckenbombers abgeschossen worden war und dabei schwerste Verbrennungen davongetragen hatte. Wenn die Musik also nichts taugte, konnte man sich wenigstens die Hülle an die Wand hängen. Die Musik aber taugte sehr wohl etwas, hatte nicht das Geringste mit den schauderhaften Soundtracks italienischer Billigproduktionen zu tun, sondern ging gottlob, schon der erste, von Hank Cochran mitgeschriebene Track “Brother River”, machte es klar, eindeutig in Richtung Country und Singer Songwritertum der etwas extremeren Sorte. Also nicht solch Seich wie beim Damensattelschnüffler Leonard Cohen oder dem gescheiterten Junkie James Taylor, obwohl man sich von dem, wegen seines Mitwirkens in Two-Lane Blacktop, auch treu und brav alle Platten zulegen, wenn auch nicht unbedingt kaufen, musste. Ach, es waren schon harte Zeiten. Ende 1969, als die Platte aufgenommen wurde, hatte Jack Palance von Südeuropa offenbar vorübergehend die Schnauze voll und versuchte es daher mal wieder an der Heimatfront. In dieser Zeit drehte er mit The McMasters (ein zynischer Fetzer aus der reconstruction era) und dem melancholischen Spätwestern Monte Walsh zwei der am meisten unterbewerteten Filme seiner gesamten Karriere. Außerdem übernahm er im Oktober jenes Jahres eine Rolle in der von Johnny Cash angeschobenen TV-Produktion Trail of Tears, die die Zwangsvertreibung der Cherokee von Georgia nach Oklahoma im Jahr 1838 thematisiert, die tausende Indianer nicht überlebten. Es war dies eines von diversen Dokudramen über den Völkermord an den native Americans, die erst im Zuge der zunehmenden Kritik am Vietnamkrieg möglich wurden: eher gut gemeint als gut gemacht, in jedem Fall aber dringend notwendig. Cash, der sich wie kein zweiter zeitgenössischer amerikanischer Künstler immer wieder und in unterschiedlichster Form für dieses Thema engagierte, und der, inzwischen mit immensem crossover-success im Rücken, neue Herausforderungen suchte, drängte es verstärkt zu Film und Fernsehen, was bald zu einer eigenen, wöchentlich ausgestrahlten TV-Musikshow führte. Mit Palance verstand er sich auf Anhieb prächtig, weshalb er dessen Wunsch, zur Abwechselung (und vielleicht motiviert durch den unerwarteten Hitparadenerfolg von Richard Harris mit “McArthur Park”) mal eine Schallplatte aufzunehmen, sofort unterstützte. Er verwies ihn an Buddy Killen, damals wie bis vor kurzem einer der einflussreichsten Männer Nashvilles. (Wie Palance starb er im vergangenen Jahr.) Aus ärmsten Verhältnissen stammend, legte er eine amerikanische Bilderbuchkarriere hin, die vom Bassisten in der Tourband von Ray Price bis zum alleinigen Besitzer der größten publishing company Tree Music führte. Das so verdiente Geld reinvestierte er so klug, dass er bald im Ruf stand, der erste Milliardär der C&W-Szene zu sein. Doch Killen ruhte sich keineswegs auf seinen Lorbeeren aus. Er trug als Produzent, Songschreiber und Förderer junger und damals höchst unorthodoxer Talente (z.B. Roger Miller und die erst 14-jährige Dolly Parton) kräftig dazu bei, aus einem kleinen Nischenmarkt für verschrobene Hinterwäldler eine Industrie von internationaler Bedeutung zu machen. Dem schwarzen (Country)soulsänger Joe Tex etwa stellte er 1965 exklusiv das Label “Dial” zur Verfügung und betreute seine wechselhaft erfolgreiche Aufnahmen bis zu dessen Tod im Jahr 1982. Da sich neben Johnny Cash auch noch Kris Kristofferson (damals noch nicht als Sänger und Schauspieler, sondern lediglich als Hitlieferant eine Größe) bei dem überall gefragten Killen für das seltsame Anliegen des Schauspielers einsetzte, stand einer Zusammenarbeit nichts mehr im Wege. Palance erschien gut munitioniert in den legendären Woodland Sound Studios, mit einer Kofferraumladung jenes Bourbons, für den er gerade Reklame machte, und jenen drei selbtgeschriebenen Songs, die das Herzstück des Albums bilden sollten. Für die musikalische Umsetzung hatte Killen ausschließlich damalige A-Team-Player aufgeboten: ... Den ganzen Bericht finden Sie in Ausgabe 50. |
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