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UNIFONO: Generation Praktikum: die ungewöhnlich fiesen Reaktionen auf „Das wilde Leben“ Von Tobias Kniebe Wenn es einen Film gab, bei dem sich Filmkritik und Publikum in letzter Zeit einmal sensationell einig waren, dann war es DAS WILDE LEBEN von Achim Bornhak (Regie) und Olaf Kraemer (Buch): Man gab sich unbeein-druckt, ungerührt und genervt wie schon lange nicht mehr. Auf eine Phase hektischer Geschäftigkeit rund um Uschi Obermaier folgte ein entschlossener Chor der Ablehnung. Nun mag es ja sein, dass Bornhak und Kraemer die meisten der Ziele, die man möglicherweise mit einem gelungenen Film verbindet, verfehlt haben. Und doch gibt es gerade für Filmemacher, die eher unschuldig und ungeschützt von anderen Zeiten und anderen Welten zu träumen wagen, in unseren Reihen immer auch ein paar Fürsprecher, die den gelungenen Moment über das Gesamtwerk stellen, die Leidenschaft über die Perfektion, das Herz über den Verstand. Hier nicht. Trotz eines mächtigen Verleihs und einer ansehnlichen Kopienzahl hat DAS WILDE LEBEN nach dem ersten Wochenende nicht einmal 40.000 Besucher angelockt und einen Platz in den Top Ten verfehlt, bei ungefähr 130.000 Besuchern war Schluss. Der verantwortliche Produzenten-Veteran Eberhard Junkersdorff verkaufte kurz nach dem Start alle Anteile der von ihm gegründeten Bioskop-Film, „um seine ganze Kraft der Stoffentwicklung zu widmen“, wie es hieß. Er war in den Kritiken auch mal persönlich gefragt worden, wie ihm dem Produzenten von Die Blechtrommel, Stammheim etc. so ein Ding unterlaufen konnte. So fand ein jahrelanger Kampf um die richtige Form, eine endlose Suche nach der richtigen Darstellerin, ein ewiges Ringen um Fördergelder ein schnelles und trauriges Ende. Man kann sich richtig vorstellen, wie der umgebaute Bus, mit dem Uschi Obermaier die Welt umrundet hat und den ihr die Produktion für die Dreharbeiten abkaufte, nun traurig und verlassen auf irgendeinem Münchner Hinterhof vor sich hinrostet. Es ist einer dieser Momente, wo man als Kritiker am eigenen Verstand zweifelt. Weil man nachdem man ohne große Erwartungen in die Münchner Premiere gegangen ist plötzlich einen ganz anderen Film gesehen hat als so ziemlich jeder andere. Weil gute Bekannte, Produzenten, Kollegen, sogar Mitarbeiter des verantwortlichen Verleihs plötzlich fast entsetzt reagieren, wenn man in den allgemeinen Was-für-eine-Scheiße-Konsens nicht miteinstimmen mag. Und weil man sich dann in den nächsten Tagen immer wieder fragt, wie sich die Heftigkeit dieser Abwehrreaktion eigentlich erklären lässt. Musste hier etwas medial noch einmal mächtig hochgejazzt und dann mit Karacho aus dem Universum der kritischen Relevanz verbannt werden? Und wenn ja, was eigentlich? Obwohl nun wirklich kein Hahn mehr nach dem WILDEN LEBEN kräht, kehren die Gedanken noch oft zu diesem Thema zurück. Uschi Obermaier ist sicherlich längst zu ihrer spirituellen Subsistenzwirtschaft im kalifornischen Topanga-Canyon zurückgekehrt. Hier bei uns aber bleiben Fragen zurück. Was ich an diesem Abend der Münchner Premiere gesehen habe? Also zum Beispiel eine Filmheldin, die ganz simpel gesprochen immer wieder alles, was sie hatte, in den Wind geschossen hat. Auf der Jagd nach etwas Neuem, etwas Anderem, etwas völlig Unbestimmten. Die es geschafft hat, aus einem künftigen Filmklassiker von Rudolf Thome, einem Vertragsangebot von Carlo Ponti, einem Cover auf Andy Warhols Interview exakt nichts zu machen. Die es sich erlaubt hat, wirklich alles, was langweilig war wie das Tourleben mit den heroinumnebelten Stones schon bald auch langweilig zu finden. Für mich hatte das eine atemberaubende Größe. Diese Frau traf nun auf die Kinogänger der Generation Praktikum, die sich auf die Frage, ob die Gesellschaft bald einen Job für sie haben wird, nächtelang in die Hosen scheißen; auf Kritiker wie mich selbst, die immer emsig und streberhaft funktioniert haben; oder die, noch eine Generation älter, heute lieber jede Demütigung ertragen als ihren Anteil an Mitarbeiter-KG oder Rentenanspruch aufzugeben. Warum, könnte man sich fragen, war es all diesen Leuten plötzlich so ein tiefes Bedürfnis, Uschi Obermaiers Geschichte als „bieder“, „hohl“ und „kreuzbrav“ zu bezeichnen? Dass es möglicherweise aufregend war, all die Dinge zu erleben, die Uschi Obermaier nun einmal erlebt hat da würden die jungen Kinogänger von heute zur Not ja sogar noch zustimmen. Dann aber kommt gleich der nächste Vorwurf: Was bitte hat diese Frau daraus gemacht? Wie konnte sie es wagen, die Kommune 1 mit einem Schulterzucken abzutun? In diesen Zeiten unpolitisch und naiv zu sein? Ihre ganzen Chancen ungenutzt zu lassen und mit diesem verrückten Schnauzbartträger nach Asien abzuhauen? Das offenbar Unerträgliche an der Figur Obermaier, aus heutiger Sicht: Sie hat nicht das Geringste geleistet. Sie war immer nur schön, immer nur sprunghaft, immer nur undurchschaubar. So darf man nicht sein. Jeder muss doch etwas beitragen. All die nackten Brüste und befreiten Sexnummern interessieren tatsächlich niemanden mehr, das ist heute reine Dekoration. Dahinter aber schlug gerade bei den jungen Kritikern des Wilden Lebens ein bemerkenswert konservatives, neoliberales, ja geradezu calvinistisches Weltbild durch. Die Frauen hatten dann noch mal ein besonderes Problem. Uschi Obermaier habe ja, so lautet der eine Vorwurf, die Männer dann doch nur bedient. Den Lustautomaten gespielt. Sich die übelsten Sachen gefallen lassen. Gleichzeitig sei sie aber komplett egoistisch, liebesunfähig, nur am eigenen Spaß interessiert gewesen. In der Kritik geht das problemlos zusammen. Dass es Dinge zwischen Schwanz und Möse gibt, von denen das Kleine Fernsehspiel oder der Kleine Kinofilm in Deutschland nichts mehr wissen nun, dass ist schon länger klar. Das hat sich inzwischen aber zum Standard entwickelt. Frauen sind grundsätzlich „stark“. Sie machen generell nur das, was ARD-Zuschauerinnen am Mittwochabend auch verstehen; was wertvolle Vorbilder wie Iris Berben und Veronica Ferres in ihren Drehbüchern absegnen; was die Menschheit ideologisch und humanitär weiterbringt. Dieser kleinbürgerlich-pädagogische Wahnsinn im Frauen-Entertainment von heute prägt aber leider auch das deutsche Kino komplett: As if Fassbinder never happened. Wobei DAS WILDE LEBEN durchaus auch intelligente Kritik erfahren hat. Wie den Einwand zum Beispiel, der Film habe zu seinem Gegenstand, Uschi Obermaier, eigentlich nichts zu sagen. Was heißen soll: Es gibt keine These zu dieser Frau. Das ist einerseits wahr, andererseits auch wieder Grund zur Frage: Suchen wir, gerade in der interessantesten Form der Filmkritik, nicht längst viel zu sehr nach dem vordergründigen Glanz origineller Thesen? Schließlich ging es lange auch beim Schreiben darum, den Pop mit Thesen zu munitionieren und die Restbestände altlinken Denkens aus den Feuilletons herauszuschießen. Was ja weitgehend gelungen ist. Es hilft nur leider nicht im Geringsten dabei, die Größe zu erklären, die ich im Wilden Leben gespürt habe. Man kann es drehen und wenden, wie man will, der intellektuell erfahrbare Gehalt in Uschi Obermaiers Leben ist gleich Null. Und doch ist sie, wenn man es sehen will, auf faszinierende, atemberaubende freie Art einfach da. Ich habe Momente in diesem Film gesehen, deren Sprengkraft nicht zu leugnen war, und die ich doch nicht erklären kann. Wenn man Rainer Langhans, ihren Ex-Lover, im Medienauftrieb rund um den Filmstart gesehen hat, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass er an einem ähnlichen Problem leidet. … Den ganzen Bericht finden Sie in Ausgabe 50. |
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