| | |
JACK’S ASS: Übergangen, übersehen, auf DVD verbannt: Von Alexandra Seitz über “The Libertine” von Laurence Dunmore John Wilmot, Second Earl of Rochester, war ein begabter Essayist und Dichter. Und ein berüchtigter Wüstling, der sein von 1647 bis 1680 währendes Leben konsequent dem Laster verschrieb. Im England der Restauration bedachte Wilmot König Charles II mit Sottisen und formte (angeblich) Elizabeth Barry zur gefragtesten Schauspielerin ihrer Zeit; bevor die Syphilis und der Suff ihm den Garaus machten. Berühmt ist das Epitaph, mit dem der bedeutende Chronist Samuel Johnson den liederlichen Earl früh schon aus der Welt verabschiedete: „In einer Folge trunkener Lustbarkeiten und derber Sinnenlust, mit offen bekannter Verachtung für Anstand und Ordnung, totaler Missachtung jeglicher Moral, einer resoluten Verleugnung jeder religiösen Wahrnehmung, lebte er wertlos und nutzlos, und löschte seine Jugend und seine Gesundheit in verschwenderischer Wollust aus.“ Das klingt nicht von ungefähr nach “live fast, die young”, und wundern darf es daher nicht, wenn Johnny Depp in John Wilmot den Rockstar ausmacht und in die Verkörperung dieses selbstzerstörerischen Freigeistes seine ganze schauspielerische Kraft investiert. In der Titelrolle von The Libertine, Laurence Dunmores in dichterischer Freiheit gestalteter Rekapitulation der letzten Wirkungsjahre des Earl, schafft Depp eine entschlossen verstörende Figur, die zu den eindrücklichsten seiner Karriere gehört. Gut möglich, dass diese dann nicht in ein Marketingkonzept passte, das ganz auf einen lustigen Piratenkapitän ausgerichtet war. Gut möglich auch, dass man die frisch gewonnenen Depp-Fans nicht mit einer Darbietung ihrer Neuentdeckung überfordern wollte, die als Talfahrt vom Unsympathischen zum Abstoßenden angelegt ist. Gut möglich schließlich, dass The Libertine den Weg in unsere Kinos nicht fand, weil der fragwürdige Charakter der Hauptfigur dem sagenhaft einträglichen Image jenes fleischgewordenen Klabautermannes, der durch die Pirates of the Caribbean-Trilogie turnt, zuwider läuft. Scheinbar. Denn “his syphilitic Earlship”, wie ihn Charles II einmal nennt, ist durchaus ein Bruder im Geiste, ein Seelenverwandter von Käpt’n Jack. Nicht nur hinsichtlich der Maßlosigkeit, mit der er sich den Genüssen des Lebens hingibt, sondern auch hinsichtlich der Rücksichtslosigkeit, mit der er ausschließlich seine eigenen Interessen verfolgt. Beide lieben den Exzess. Beide kennen keine Skrupel. Weder auf John Wilmot noch auf Jack Sparrow ist Verlass. Weder John noch Jack haben ein Gewissen. Während es jedoch Verachtung und Überdruss sind, die den einen schließlich in den Abgrund reißen, sind die Motive für das tumultöse Verhalten des anderen eher lebensbejahender Natur. John Wilmot ist Käpt’n Jacks Kehrseite; er lebt den zügellosen Hedonismus in einer vollkommen unromantischen Welt: nicht am Karibikstrand, sondern in der Londoner Gosse ist er zuhause, und sein Handeln hat sehr reale Konsequenzen auch wenn er das bis zu seinem erbärmlichen Ende nicht wahrhaben will, aber dazu später. Es war im übrigen der ständig in Geldnöten befindliche Charles II, der während seiner Regentschaft (16601685) ständig der British East India Company jene weitreichenden Rechte einräumte, die aus einem florierenden Handelsunternehmen eine quasi autonom agierende Kolonialmacht werden liessen. In Dead Man’s Chest (Teil 2 der Piraten-Saga) und fünf Könige später, unter dem von 1727 bis 1760 regierenden George II, bietet Cutler Beckett, seines Zeichens Vertreter der East India Trading Company, Käpt’n Jack Amnestie an, wenn der fürderhin statt unter der Flagge des Freibeuters unter der des imperialen Ausbeuters segelt. Der Käpt’n zieht einstweilen den Sprung in den Kraken vor. Sperriges Stück Strandgut Bevor Laurence Dunmore mit The Libertine sein Regiedebüt gab, arbeitete er als Grafikdesigner und inszenierte Werbefilme und sozialpolitische Informationsspots. Sein erklärtes Herzensprojekt basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Stephen Jeffreys, der auch das Drehbuch für den Film schrieb. John Malkovich, der 1996 am Steppenwolf Theater in Chicago in der Titelrolle einen großen Erfolg feierte, fungierte nicht nur als einer der Produzenten der Verfilmung, sondern übernahm auch die Rolle Charles II. Darüberhinaus zu sehen sind Rosamunde Pike als Wilmots Frau Elizabeth Malet, Samantha Morton als seine Geliebte Elizabeth Barry, Richard Coyle als Diener Alcock (“try not to be a cunt”), sowie als Cutler Beckett respektive Commodore Norrington gute Bekannte aus Pirates Tom Hollander in der Rolle des Dichter-Kollegen Sir George Etherege und Jack Davenport in der des Schauspielers Harris. John Malkovich war die treibende Kraft hinter dem Projekt. Früh schon trat er an Johnny Depp heran, um ihn für eine Verfilmung des Stückes zu gewinnen, die dann allerdings mangels Finanzierung lange nicht zustande kam. Er war es auch, der Dunmore, den er bei Dreharbeiten für einen Werbespot kennengelernt hatte, das Skript zu The Libertine gab und ihn anstiftete, sich an eine Spielfilmregie zu wagen. Und Malkovich sorgte schließlich dafür, dass die Produktion aus unvorhergesehenen Problemen mit der britischen Steuerbehörde wieder herausfand, die das ganze Unternehmen mit dem vorzeitigen Ende bedrohten. Gedreht wurde unter anderem auf der Isle of Man, in Wales, Somerset, Oxfordshire und in Hampton Court Palace. Seine Premiere feierte der Film dann im September 2004 auf dem Festival in Toronto, 2005 startete er in England, 2006 schlossen sich Starts in zahlreichen weiteren europäischen Ländern an. Nur in Deutschland erschien The Libertine lediglich auf DVD und ging auch in dieser Form sofort unter. Bedauerlich ist das nicht zuletzt aus ästhetischen Gründen wie all jene bestätigen können, die das Glück hatten, The Libertine im vergangenen Jahr auf dem Filmfest in München im Kino zu sehen. Dunmore meißelt seinen Film förmlich aus der Dunkelheit heraus. Er ist voller Schatten und Düsternis, voller Rauchschwaden und Nebel, erhellt oftmals nur von Hunderten von Kerzen oder vom Tageslicht, monochrom, grobkörnig, ja regelrecht dreckig. Es ist schön, die Textur dieses Films auf einer Leinwand zum Strahlen gebracht zu sehen, sich in seiner diffusen Zartheit zu verlieren, seine Modrigkeit zu spüren, seiner Melancholie anheimzufallen. Von all dem bleibt auf dem Bildschirm nur ein schwacher Abglanz. Den Rest muss man sich vorstellen. Dunmores stimmungsvolle Lichtdramaturgie vermittelt jedoch nicht nur einen visuellen Eindruck vom schmutzigen London und vom schlammigen Oxfordshire des 17. Jahrhunderts, sie fungiert darüberhinaus als Innenperspektive Wilmots, der sein Leben im Dauerrausch verbringt. Verstärkt wird dieser Eindruck mittels des extensiven Einsatzes der (vom Regisseur geführten) Handkamera, die dem Geschehen den dynamischen Charakter zufälliger Beobachtung verleiht. Durch die sorgfältige Bildgestaltung wird eine regelrecht hypnotische Wirkung erreicht, die keineswegs nur der rein äußerlichen Rekreation historischer Gegebenheiten dient, sondern zugleich einen Wahrnehmungs-Raum schafft, in dem die Hauptfigur sich zunehmend verliert, von ihren Rändern her auflöst. Aus der unruhigen Sprunghaftigkeit dieser fingierten Subjektivität ragen zwei Kran-Fahrten heraus, zwei 360°-Schwenks im Zuschauerraum eines Theaters, die ihre Kunstfertigkeit regelrecht ausstellen und damit über den Handlungsverlauf hinausweisen. Zum einen dienen sie natürlich der Rückbindung des Films an seine Herkunft als Bühnenstück, zum anderen verweisen sie auf das theatralisch Exaltierte von John Wilmots Lebensstil, doch nicht zuletzt erinnern sie an die existenzielle Bedeutung, die das Schauspiel für Wilmot hatte. Die erste Umdrehung schließt die Exposition ab, an deren Ende der Earl aus der Verbannung auf seinem öden Landsitz nach London in sein geliebtes Theater zurückkehrt, die zweite beendet den Film mit dem Bühnentod einer Figur, die Sir Etherege in seinem Erfolgstück “The Man of Mode” (1676) nach dem zweifelhaften Vorbild seines Zeitgenossen gestaltet hat. ... Den ganzen Bericht finden Sie in Ausgabe 50. |
| ![]() ![]() ![]()
|
![]() |
![]() |
![]() |