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Glück ist unbestechlich
Der plappernde Zocker und der Westküstenromantiker: “California Split”, a Dog and Pony Show
Von Doris Kuhn
Wenn man CALIFORNIA SPLIT zum 10. Mal angeschaut hat, hat man immer noch nicht alles gesehen, was sich in den Bildern versteckt, geschweige denn begriffen, was in ihnen eigentlich passiert. Aber man beginnt allmählich, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie die Figuren dieses Films aufs Leben blicken, und man kann anfangen, in Gesten wie in Gedanken, sich ihnen anzugleichen. Denn das ist es, was man sich wünscht im Verlauf von CALIFORNIA SPLIT, bei jedem Anschauen wieder: so oder so ähnlich zu werden wie Elliott Gould und George Segal und Ann Prentiss in ihrer sorglosen, komplizierten, verwilderten Spielerwelt. Sie sitzen irgendwo bei LA, im ewigen Sonnenschein, und sie flüchten davor in die Dämmerung der Casinos, der nachmittäglichen Pokerrunden, der melancholischen Blackjack-Tische, sie gehen unter die Tribünen der Pferderennbahn oder, abends dann und etwas zivilisierter, zu lokalen Boxkämpfen an den Ring. Wenn das Boxen zu den zivilisierteren Vergnügen gehört, kann man sich ungefähr vorstellen, wie alles andere aussieht. Andererseits kann man sich das genau nicht vorstellen, nicht als Mitteleuropäer, der mit Spielen nichts zu tun hat, nicht in einem Land, in dem man für so etwas mit Krawatte nach Bad Wiessee fährt oder sich mal einen französischen Film anschaut, in dem Jeanne Moreau mit ihrem jungen Liebhaber an der Bucht der Engel sich um Liebe und Vermögen spielt, in einem Ambiente voll mit Philosophie und dunklen Sonnenbrillen. Genau so nämlich ist es nicht in CALIFORNIA SPLIT, nichts daran ist so, und das ist ein Glück.
Ein anderes Glück sind die Menschen, die hier vorkommen, nicht nur die Hauptfiguren, obwohl die allein auch kein schlechtes Glück sind, sondern all die anderen, die die Hallen und Hinterzimmer bevölkern. Menschen, denen man stundenlang zugucken könnte, wie sie oft nichts anderes tun als lüstern ein Paar Würfel anstarren. Da sind Gesichter, die genug Gier und Verlust miterlebt haben, dass etwas davon in ihnen zurückgeblieben ist, ein Schatten, der auf ihnen liegt und mit dem sie kommunizieren, als sei es ein unsichtbarer Freund. Altman sagt, der Großteil der Statisten in diesem Film sind Spieler, oder sie kommen von einer Organisation für Ex-Spielsüchtige. Außerdem ist das Drehbuch von Joe Walsh, “a guy who was a gambler and still is”, und auch Altman selbst kennt sich aus mit dem Spielen: “I was a bit of a gambler, my father was a gambler and I knew a lot of gamblers, and I kind of like that world.” Das merkt man, an der Art wie diese Welt erscheint in CALIFORNIA SPLIT, an der Zeit, die nicht mal zerrinnt, die eher zerfällt in den Händen der Spieler, und an den Orten, an denen sie sich währenddessen aufhalten. “Live Nude Models” steht über dem Treppenaufgang, der durch eine Wohnung und durch eine höchst familienfreundliche Striphöhle in ein Zimmer mit Pokerrunde führt; “Pabst Blue Ribbon”-Neonschrift hängt über den Theken, und wer je in Amerika war, der weiß, dass PBR nicht zu den Bieren gehört, die wohlschmeckend und bekömmlich sind, dafür knallt es und ist billig. Die Architektur und das Licht, die Autos und die Farben, alles hier ist ungemein unfunky und deshalb ungemein überzeugend, und da spielt nicht nur Altmans Kenntnis des Milieus eine Rolle, sondern auch seine Haltung. Denn die Entstehung des Films liegt im Jahr des Herrn 1974, in einer Zeit also, in der andere bestimmt eine solche Geschichte dramatischer, glamouröser, psychedelischer in Szene gesetzt hätten, gerade weil es so sichtbar ums Existenzielle geht, um Gewinnen oder Verlieren, was damals wie heute nicht leicht beiläufig behandelt wird.
Elliott Gould ist Charlie, für seine Frisur kann er nichts, aber er trägt die Hemden gern laut und weit offen, die Lässigkeit seiner Attitüde ist schon in jeder Totalen sichtbar, während George Segal eine Art seriösen Westküstenromantiker gibt, Wildleder und Seemannspulli, blonde Tolle, alles an ihm anständige Zurückhaltung. Natürlich stimmt nichts davon, jedenfalls nicht bei George Segal. Damit beginnt der Film, mit der Verwandlung des ordentlichen Spielers Segal in den inspirierten Kumpel von Elliott Gould, und da werden nicht bloß die Namen der sieben Zwerge etliche Male nicht komplett aufgesagt, sondern Biere getrunken, Lieder gesungen, Prügel von fremden Schlägern kassiert.
Wollte man eine dieser Listen mit den besten Momenten der Filmgeschichte aufstellen, wäre die Szene, in der die beiden singend, im Wechselschritt hintereinander her, halbtotal über einen nächtlichen Parkplatz tänzeln, mindestens unter den ersten zehn. Aber wenn in CALIFORNIA SPLIT der Idylle für einen Moment nahe kommt und Idylle kann natürlich immer nur eine Zuneigung sein, ein Gefühl der wortlosen Gemeinsamkeit, ein plötzliches Begreifen von Freundschaft , dann gibt es aus diesem Moment meist ein böses Erwachen. So auch hier, obwohl nicht sicher ist, ob der Hinterhalt auf dem Parkplatz, in den Segal und Gould so beschwingt hineinrauschen, ihre Verbindung nicht enger werden lässt, als ein lustiger gemeinsamer Rausch das gekonnt hätte.
Immerhin führt die Schlägerei dazu, dass Segal mit Gould nach Hause gehen darf, und das wird sich für den Rest seines Lebens gelohnt haben, und für das des Zuschauers auch. Gemeinsam mit ihm lernt man nämlich Ann Prentiss kennen, die hier Barbara heißt, mit Elliott Gould zusammenwohnt und Glück bringt, was im Leben eines Spielers natürlich wichtig ist, was aber bei Frauen wie Ann Prentiss in diesem Film sowieso völlig außer Frage steht. Sie ist klug, sie versprüht eine Lebenstüchtigkeit, die die kompliziertesten Pflichten in ganz neue Dimensionen der Leichtigkeit hebt, und sie nimmt hin, was kommt, mit einer gelassenen Freude, die niemals den Gedanken an Anstrengung oder Unwillen aufkommen lässt. Andererseits ist so eine Haltung vermutlich notwendig für das Leben mit Elliott Gould, in einem Haushalt, in dem nicht nur die Cornflakes morgens mit Bier gegessen werden, sondern in dem auch noch ein weiteres Mädchen wohnt, dem genau das Maß an Selbstsicherheit fehlt, das Ann Prentiss im Überfluss hat. Dieses Mädchen heißt Susan, wird gespielt von Gwen Welles, und wenn Gwen Welles tränenüberströmt in einem rosa Plüschoverall auf einen Stuhl klettert, um im Küchenschrank nach tröstenden Lebensmitteln zu suchen, dann macht sie das so unschuldig und rührend, dass man in Zukunft jedes Mal mit ihr weinen möchte, wenn sie sich in einen ihrer Kunden verliebt, nur weil er nett zu ihr ist. Die beiden Frauen sind Nutten, das sollte man vielleicht dazu wissen.
Elliott Gould ist ein Mann der action. Dinge müssen passieren, und wenn sie nicht so passieren, wie er das plant, dann wird etwas unternommen, das die Situation zu seinen Gunsten verändert. Meistens ist das dann witzig. Meistens ist es eine übermütige, halsbrecherische Freundschaftsnummer, in die auch George Segal hineingezogen wird, der sie wiederum mitmacht, weil er so begeistert ist von seinem neuen Freund, verliebt geradezu, mehr in ihn als in irgendeine action. Goulds Begriff von action sieht man nicht nur, wenn er den Mädchen Barbara und Susan ihren ältlichen, transvestiten, aber sicher gut zahlenden Kunden Helen vertreibt, indem er und George als der gute und der böse Cop von der Sitte auftreten. Die sieht man auch auf der Rennbahn, wo Frauen ihm erbost ihre Handtaschen hinterherwerfen, weil er sie reingelegt hat mit falschen Tips für den Sieger.
Immer zieht Elliot Gould eine Show ab, eine gute Show zweifellos, aber immer verbirgt sich dahinter als privates Ziel die Steuerung der Welt nach seinem Ermessen. Die Show ist der Deckmantel, unter dem er seinen eigenen kleinen Interessen nachgeht, jede Lebenslage ein Spielchen, jedes Spielchen verdeckt durch eine Zirkusnummer. Das funktioniert ironischerweise nur in einer Sache nicht: im Glückspiel. ...
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