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Die Welt dreht sich
Ein verkannter Wendepunkt in Robert Altmans Karriere: “The Company” markiert das Ende seiner grimmigen Ironie
Von Sascha Westphal
Julee Cruise singt “The World spins”. Die Erde dreht sich und dreht sich; und mit ihr dreht sich eine Tänzerin der berühmten Chicagoer Joffrey Ballet Company. Sie liegt in einer von der Decke hängenden Schlaufe. Das Seil, das sie mit beiden Händen hält, kreist mal langsam und dann wieder schneller umher. Gelegentlich scheint sie parallel zur Bühne zu schweben, als sei sie schwerelos. Dann wieder sucht sie den Kontakt zum Boden. Ihre Schritte und Bewegungen vollführt sie in einem magischen Zwischenreich, in dem Himmel und Erde eins werden. Ihr weiter weißer Rock schwingt und schwebt mit den Bewegungen mit. Und wenn er dabei einmal über den Bühnenboden streift, verbindet er die von allem losgelöste Tänzerin für einen kurzen, kostbaren Moment mit der sie umgebenden Welt. Das ist dann ein fragiles, fast schon irreal wirkendes Band, aber es erinnert nachdrücklich an das perfekte und doch überaus zerbrechliche Gleichgewicht, das die Erde in ihrer Bahn hält.
So wie Robert Altman diese Choreographie gefilmt hat immer wieder blickt die Kamera senkrecht an dem Seil herab auf die Tänzerin, während ihr sich drehender Körper die ganze Weite des CinemaScope-Bildes ausmisst , gleicht sie fast einer Illusion. Das alles kann eigentlich nur ein Traum sein. Die Anmut der Bewegungen und der Bilder ist hypnotisch, aber so wie Julee Cruises Song auch etwas unheimlich, beinahe schon gespenstisch. Auf dem Grund ihrer Schönheit liegt eine tiefe Melancholie. Wenn die Musik schließlich ausklingt und die Füße der Tänzerin hörbar den Boden berühren, wacht man mit einem leichten Entsetzen wieder auf. Die Welt dreht sich weiter, aber nichts ist ewig. Diese Finalität macht den Traum wie auch das Leben erst real. Der Tod wartet, nicht um das Dasein auszulöschen, vielmehr ist er es, der ihm einen Sinn gibt.
Nur Robert Altman konnte sich dieser Choreographie aus der Vogelperspektive nähern. Er wechselt den Blickwinkel zwar mehrmals und begibt sich immer wieder auch auf Augenhöhe mit der Tänzerin. Doch es sind die Blicke von oben, die diese Performance strukturieren, die ihren Raum ins Unendliche öffnen. So ausdruckvoll und so persönlich hat seit Michael Powell kein Filmemacher mehr ein Ballett in pures Kino verwandelt. In seiner Radikalität gleicht The Company alleine Powells schon 1948 entstandenen Ballettfilm The Red Shoes, in dem der Sprung einer Tänzerin in den Tod zur reinsten aller Ballettfiguren wird. Für Powell war dieser Sprung der erhabene Ausdruck des Schönen und des Schrecklichen, des Rausches und der Verzweiflung eines Lebens für die Kunst. Für Altman ist dieser Blick hinab zu der kreisenden Tänzerin der nicht weniger erhabene Ausdruck für das Streben des Künstlers nach Erkenntnis.
Der Blick senkrecht von oben nach unten, das ist eben auch der Blick durch das Mikroskop. Die Kamera war für Altman spätestens seit den frühen 70er Jahren immer schon mehr ein Vergrößerungs- als ein reines Beobachtungsinstrument. Seine großen Ensemblewerke von Nashville über Short Cuts zu Kansas City und zuletzt Gosford Park waren mikroskopische Ausschnitte, die Aufschluss geben sollten, über die Bedingungen des Lebens und die Befindlichkeiten der Menschen zu einer genau bestimmten Zeit an einem exemplarischen Ort. Die Kamera, die zum Mikroskop wird, schafft Distanz, sie trennt den Beobachter automatisch vom Gegenstand seiner Beobachtung. Um diese Ferne zu überwinden, musste Altman mit der Tonspur experimentieren. Er musste immer mehr Dialogspuren übereinander legen, so dass schließlich die Worte und die Geräusche, die Musik und die Gespräche miteinander zu tanzen schienen und man trotz des distanzierten Blickes mittendrin war im Geschehen.
Eine analytisch-vergrößernde Sicht suggeriert immer zugleich auch eine gewisse Kälte, wenn nicht gar Erbarmungslosigkeit, die im Kino noch durch die Schärfe und Klarheit der auf Film gefangenen Bilder verstärkt wird. Robert Altman konnte bei seinem ersten mit einer digitalen Videokamera gedrehten Film also gar nicht anders, wenigstens einmal musste er die Mikroskop-Perspektive wählen, um unsere Wahrnehmung zurechtzurücken. Die Videobilder haben eine ganz andere Textur als klassische Filmbilder. Sie wirken weicher und wärmer. So wie sie es einfangen, erzeugt das Licht der Bühne keine harten Konturen, im Gegenteil: Es lässt die Übergänge zerfließen. Der Blick von oben mag immer noch der des Forschers und des allmächtigen Erzählers sein, doch nun schafft er einen geradezu überwältigenden Eindruck von Nähe und Zuneigung. Das sanfte Aufflackern des Lichts, seine von der Kamera eingefangenen flüchtigen Reflexe und diese ganz leichte Unschärfe der durch Bewegung in Fluss geratenden Körper signalisieren eine liebevolle, nahezu erotische Zärtlichkeit, die noch einmal eine neue Sicht auf Altmans ganzes Schaffen eröffnet.
Einmal im Jahr verlässt das Joffrey Ballet of Chicago sein angestammtes Heim und baut seine Bühne in einem großen Park im Herzen der Stadt auf. Es ist ein besonderer Abend, mit dem man sich bei der Stadt bedankt, und zugleich sucht man natürlich auch nach neuen Förderern. Das Geld ist knapp, wie Alberto Antonelli, der von Malcolm McDowell verkörperte Leiter der Company, immer wieder betont. Im Zentrum dieses einzigartigen Open-Air-Erlebnisses steht in diesem Jahr ein von Lar Lubovitch choreographiertes Pas de deux. Zur Musik des unvergänglichen Rodgers & Hart-Klassikers “My Funny Valentine” tanzen die von Neve Campbell gespielte Ry, der junge, aufsteigende Stern des Ensembles, und das Joffrey-Mitglied Domingo Rubio die Chronik einer Leidenschaft. Jeder ihrer Schritte ist erfüllt vom Rausch der Gefühle, jede ihrer Bewegungen erzählt von dem alles mit sich reißenden Wunder der Liebe und schließlich von ihrer Vergänglichkeit.
Während Ry und Rubio ganz in ihrem Tanz aufgehen und dabei mit jeder Faser ihres Körpers zu einem Teil des Kunstwerks werden, zieht ein Gewittersturm auf. Regen peitscht herab. Der Wind wirbelt die Blätter über die Köpfe der Zuschauer auf die Bühne. Die Natur inszeniert ihr eigenes Schauspiel und intensiviert die von Menschen geschaffene Choreographie. Die Blitze und der Donner, der Sturm und der Regen haben ihre eigene Dramatik, und doch sind sie dem Geschehen auf der Bühne näher, als Worte es jemals sein könnten. Die Naturgewalten werden ein Teil der Performance. Die Gefahr, die von dem Wasser und den Blättern auf der Bühne ausgeht, unterstreicht dabei den (selbst)zerstörerischen Charakter, der jedem Stück Tanztheater innewohnt. In dem Bestreben, seinen Körper ganz und gar zu beherrschen, verschwendet der Tänzer ihn immer auch.
So wie Lar Lubovitchs Choreographie erst durch das unvorhersehbare und unkontrollierbare Einwirken der Natur wirklich perfekt wird, zieht auch Altmans Liebeserklärung an die Kunst des Tanzes ihre Magie aus der Offenheit seiner Regie. Antonelli, den alle nur Mr. A. nennen, lässt seinen Tänzern die größtmögliche Freiheit. Nur ganz selten platzt er in ihre Proben herein, gibt ein paar kurze, oft auch recht kryptische Kommentare ab, um dann wieder wie eine Erscheinung zu verschwinden. Nach nahezu dem gleichen Prinzip scheint hier auch Altman vorgegangen zu sein. Man spürt seine Anwesenheit in jedem Moment des Films, aber man hat nie den Eindruck, dass er das Geschehen vorgegeben oder auch nur bestimmt hätte. Es sind die Tänzer und die Schauspieler, die Choreographie und der Backstage-Alltag, denen der Fluss der Bilder folgt. …
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