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Catch 22 der 00er Jahre
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Haben sich Joseph Heller bzw. Mike Nichols einst träumen lassen, wofür der Titel CATCH 22 Jahrzehnte später gut sein würde?“ (Stefan Flach)

„Wenn ich morgen früh aufwache, werde ich die getroffene Auswahl garantiert bedauern, aber das geht wohl nicht anders. Im allerweitesten Sinne ist das wohl auch ein Catch 22.“ (Holger Römers)


Neulich eilte ich durch Schnee und über Eis nach Hause. Es war glatt, aber ich hatte keine Zeit zu verlieren, denn ich hatte eine Verabredung. Mit einem Film, den ich unbedingt sehen musste. WORKING GIRL. Ja doch, ich hatte Mike Nichols' Film da bestimmt schon zwanzigmal ganz und etliche Male in Teilen gesehen. Ganz egal, an diesem Abend musste es wieder sein. Während ich über die Straßen schlitterte, malte ich mir manche Szenen und Details wieder aus. Die irren Frisuren; Melanie Griffiths klackernden Armringe; der Kameraflug um die Freiheitsstatue und später der beschleunigte Flug auf Manhattan zu; die Art, wie Melanie Griffith ihre Lippen befeuchtet; Harrison Ford auf dem Höhepunkt seiner Lässigkeit; Sigourney Weavers Hinterhältigkeit und wie sie für ihren „bony ass“ beleidigt wird (na gut, in der deutschen Fassung ist es der „knöcherne Hintern“); die Kostüme; „Coffee? Tea? Me?”; wie Harrison Ford als ungeladener Hochzeitsgast seinen Long Drink in einem Zug mit dem Strohhalm leert – und dann ein zweites Glas mitnimmt; Alec Baldwin und seine dubiose Art, Melanie Griffith zurückgewinnen zu wollen; der Moment, wenn im Hintergrund schmachtig, aber unwiderstehlich „Lady in Red“ einsetzt und er sie zum Tanzen bewegt; wie Melanie Griffith kurz darauf auf seinen Heiratsantrag mit „Vielleicht“ antwortet und hinzufügt: „Wenn du eine andere Antwort hören willst, musst du eine andere fragen“; wie Harrison Ford die bewusstlose Melanie Griffith anguckt, nachdem er sie die Treppen in sein Apartment hochgetragen hat; der Zoom auf Joan Cusack, als Melanie Griffith sie am Ende aus ihrem neuen, eigenen Büro anruft; die Art, wie einen die Kamera die ganze Zeit unablässig ins Geschehen zieht.

Ich wusste also ganz gut, was auf mich zukam. Und trotzdem war die Überraschung in vielen Momenten so groß, als würde ich das alles zum ersten Mal sehen und spüren. Ähnlich dürfte sich einst Peggy Sue gefühlt haben, als sie Szenen aus ihrer Jugend mit dem Kenntnisstand einer Erwachsenen erlebte. Wie jung die Schauspieler hier noch sind! (Wie dünn Alec Baldwin ist!) Wenn sie wüssten, was vor ihnen liegt. Welche heiklen Entscheidungen sie bald treffen würden. Nehmen wir nur Alec Baldwin: Seine spektakuläre, spektakulär scheiternde Ehe mit Kim Basinger, sein Absturz, sein Comeback. All das schoss mir durch den Kopf, während ich die Details dieser 22 Jahre alten Komödie genoss. Das mag bei anderen Filmen ähnlich sein, aber wenn man genau darüber nachdenkt, sind es gar nicht so viele.

Und irgendwann fragte ich mich: Für wieviele Filme aus den 00er Jahren werde ich wohl in ferner Zukunft, sagen wir in 22 Jahren, an einem eisigen Januar-Abend mit ähnlich unverhohlener Vorfreude durch die Gegend rasen?

Werden es mehr Filme sein als in den vergangenen Jahrzehnten? Oder fiel es nicht schon jetzt einigen frustrierten Teilnehmern unserer dritten Jahrzehnt-Umfrage schwerer als sonst, 22 würdige Vertreter ihrer Dekade zu finden? Was bei der Beantwortung solcher Fragen gerne unterschätzt wird, ist die Tatsache, dass einem manche Filme erst mit der Zeit so richtig ans Herz wachsen – darunter nicht selten auch Werke, die man direkt gerne mochte, aber lange Zeit nicht ganz oben angesiedelt hätte. (WORKING GIRL tauchte weder in meiner 80er-Jahre-Liste noch zuletzt in jener meiner ewigen Lieblinge auf.)

125 Teilnehmer(innen) haben nun das Luxus-Problem, sich in den kommenden Jahren zu fragen, warum sie diesen oder jenen Film genommen und andere, viel schönere, wichtigere, geliebtere Arbeiten dafür weggelassen haben. Wir finden das nach wie vor eine herrliche Quelle für Unmut (und manchmal auch Zufriedenheit), zumal es ja schon jetzt so war, dass man (bzw. ich) ganz verwundert feststellte, dass Filme, die jahrelang fest in der Catch 22 verankert waren (darunter sogar persönliche Jahressieger), plötzlich weichen mussten. Bei mir kam zum Beispiel in letzter Sekunde AVATAR hinzu, den ich an jenem Januar-Abend vor WORKING GIRL ein zweites Mal gesehen hatte und der ein kollektives Kino-Erlebnis ermöglicht, wie ich es seit vielen Jahren nicht mehr und in dieser Form letztlich noch nie erlebt hatte. Im Zeitalter der mangelhaften Kinokonzentration brachte es dieses populäre Kunstwerk fertig, dass die Handy-verseuchten Zuschauer sich ganz auf die Leinwand fokussierten und zweieinhalb Stunden lang ohne SMS, MMS oder ähnliches auskamen. Machos wurden leise, Frauen störten sich nicht an Action-Szenen, alle gingen mit, und nachher wirkten etliche Zuschauer nachdenklich, nachgerade erleuchtet. Es war ein außerordentlich verbindendes Ereignis. Ich weiß nicht, ob der Film auch im Jahre 2032 noch zu meinen Favoriten gehören wird, aber zumindest jetzt habe ich ein verdammt gutes Gefühl.

Milan Pavlovic


Zwei Erklärungen zu den Listen:

Zugelassen waren alle Werke, die ihre Uraufführung zwischen dem 1.1.2000 und dem 31.12.2009 erlebten. Nicht zugelassen waren Filme (und TV-Serienfolgen), die ihre deutsche Premiere erst in den 00er Jahren erlebten, darunter Werke wie American Beauty, Being John Malkovich oder Hayao Miyazakis Prinzessin Mononoke, die erst im April 2001, schlappe vier Jahre nach der Weltpremiere, in unsere Kinos kam.

Erstmals haben wir den Teilnehmer(inne)n erlaubt, auch Fernseh-Filme bzw. -Serien (und davon einzelne Folgen) zu berücksichtigen. Manche lehnten das mehr oder minder entrüstet ab, weil der Kinofilm vielen eben immer noch als haushoch überlegen gilt. Aber wenigstens ein zweiter Listen-Freak unternahm für eine Extra-Liste die Sisyphos-Arbeit, einzelne Episoden herauszufiltern. Vielleicht werden sich in zehn Jahren andere TV-(Serien-)Fanatiker ebenfalls die Mühe machen.

[ 2 TV-Listen ]


Ein letztes Detail:

Nicht alle Listenteilnehmer haben sich an die Bitte gehalten, ihre Listen mit dem Original- UND deutschen Titel zu bestücken sowie den Namen des Regisseurs, das Ursprungsland und Premierenjahr hinzuzufügen. Ich habe zwar versucht, alle Fehler zu eliminieren, aber meistens darauf verzichtet, fehlende Details hinzuzufügen. Das ist der Vorteil und der Fluch des Internets. Wer will, kann den Rest nachgucken – nicht zuletzt in unserem Index, in dem sich hinter dem Titel auch die Zahl der Gesamtnennungen der jeweiligen Filme findet.



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